Heute ist der 15. Dustermond 19 n.B.

Zu einer Zeit, als das Sternbild von Yngvar dem Schlächter hoch am Himmel stand, war unter der Sippe der Thorguner einer, den sie Hjore Iskirson nannten. Bis heute haben die Sterne am Himmel keine tapfereren Männer gesehen, als die Thorguner. Kein Mann floh je vor einem gleich Streitbaren und gleich Gerüsteten. Jeder rächte den andern wie seinen Bruder. Keiner sprach je ein Wort der Furcht oder verzagte je in irgendeiner Lage, wie hoffnungslos sie auch schien. Hjore Iskirson war stark wie ein Bär, mutig wie ein Löwe und listig wie ein Fuchs. Er konnte fünf Männer in einem Kampf besiegen und eine Wildsau mit bloßen Händen niederringen. Hjore Iskirson hatte fünf gesunde Söhne mit drei Frauen.

Es war zu dieser Zeit, als Soldaten in das Land kamen, um die Thorguner zu versklaven, ihre Häuser zu verbrennen, ihren Boden unfruchtbar zu machen und ihre Frauen und Kinder zu knechten. Als die Soldaten kamen bebte der Boden unter ihren gleichförmigen Schritten.

Unheilbringend hallten ihre Rufe durch das Land, todbringend fuhren ihre Klingen in die Leiber der Menschen. Am Ende unterlagen die Thorguner, geschlagen von der schieren Überzahl der Soldaten, obwohl sie tapferer, stärker und gerissener kämpften.

Der, den sie Vitus den Todbringer nannten, wurde zum Vollstrecker für die überlebenden Männer bestellt. Drei ernsthaft verwundete Männer wurden von dem Seil befreit und der Todbringer machte sich daran, ihnen die Köpfe abzuschlagen.

Dann wurden einem vierten Mann die Fesseln abgenommen. Vitus fragte: „Was hältst Du vom Sterben?“ Und der Thorguner antwortete: „Ich bin zufrieden mit dem Sterben. Gerne will ich dasselbe Schicksal wie mein Vater erleiden.“ Vitus frage, was sein Schicksal gewesen sei. „Ein Schlag und er starb.“ So schlug der Todbringer auch ihm den Kopf ab.

Dann wurde der Fünfte herbeigebracht und Vitus fragte ihn, was er vom Sterben halte. Er sagte: „Ich würde die Gesetze der Thorguner vergessen, wenn ich mich vor dem Sterben fürchten oder ein Wort der Furcht aussprechen würde. Keiner kann dem Tod entkommen.“ Der Todbringer schlug ihm den Kopf ab.
Die Soldaten entschieden sich, dieselbe Frage jedem der Gefangenen zu stellen, bevor sie umgebracht würden, um zu sehen, ob die Männer wahrhaft so tapfer seien, wie man von ihnen behauptete. Sie beschlossen, es wäre ein ausreichender Beweis, wenn keiner der Thorguner ein Wort der Angst spräche.

Ein sechster Mann wurde nach vorne geführt und Vitus stellte ihm dieselbe Frage. Der Thorguner verzog keine Mine und schickte sich an, in gutem Ansehen zu sterben. „Aber du, Vitus, wirst ewig in Schande leben.“ Der Todbringer schlug ihm den Kopf ab.
Dann wurde der Siebente vorgeführt und Vitus fragte wie gewohnt. „Ich bin ganz einverstanden zu sterben, aber lass mir eine schnelle Klinge zu Teil werden. Ich habe einen Dolch hier und ich habe mich gefragt, ob ein Mann noch Rachegelüste hat, nachdem ihm der Kopf schnell abgeschlagen wurde. Lass uns eine Abmachung treffen: Ich halte den Dolch hoch, wenn ich Dir nicht die Pest an den Hals wünsche, wenn doch, lasse ich ihn fallen.“ Der Todbringer traf ihn und sein Kopf und der Dolch fielen zu Boden.

Da wurde Hjore Iskirson, der achte Mann, herangebracht. Auch diesen fragte Vitus: „Fürchtest Du Dich vor dem Sterben?“ Hjore Iskirson sah auf und seine Augen versprühten Feuer. „Ich fürchte nichts auf dieser Welt, ebenso wie Du. Nur dass Du den Fehler machst, nicht mich zu fürchten!“ Der Todbringer hob erneut seine Klinge als der Himmel sich verdüsterte und ein einzelner Tropfen herabfiel. Voller Wut hatte Antegk auf das Leid seines Volkes herab gesehen. Doch ihr Mut und ihre Tapferkeit erfüllten ihn mit Stolz so dass er einen einzelnen Tropfen einer Träne gleich vom Himmel fallen ließ.

Nur einen Augeblick, nachdem der Tropfen auf dem Haupt von Hjore Iskirson berührte, traf der Schlag des Todbringers seinen Nacken. Doch anstatt ihm den Kopf von den Schultern zu trennen, zerbarst die Klinge in tausend Stücke. Schnell brachte man ein anderes Beil herbei, doch auch dieses verletzte den Thorguner nicht.

Da erhob Hjore Iskirson sich und griff nach dem Beil. Zuerst tötete er Vitus, dann seinen Hauptmann und schließlich einen Soldaten nach dem anderen. Nicht eine Klinge zerschnitt seine Haut, nicht ein Pfeil durchbohrte seinen Körper, nicht ein Schlag prellte seine Glieder. Erst als keiner mehr übrig war, ließ er völlig unverletzt das Beil sinken und betrachtete sein Werk.

Und auch Antegks Zorn war befriedigt. Der Tropfen aber, der Hjore Iskirsons Haupt berührt hatte, war er von seiner Stirn getropft und sogleich zu einem reinen Kristall erstarrt.

 

- aus dem Nordischen übersetzt von Anigel de Bosque u.a. -

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